Mangel an Fachkräften nimmt zu
Dämpfer für Wirtschaftskraft. Volkswirte fordern mehr Investitionen in Bildung.
Andrea Rungg, Berlin, Frankfurter Allgemeine, 24. Mai 2007
Die deutschen Unternehmen und Bundesländer müssen nach Ansicht
von Ökonomen deutlich mehr Geld in die Bildung investieren, um auch nur
annähernd einen Fachkräftemangel zu verhindern. „Aus unser Sicht erscheint es
nahezu unmöglich, einen künftigen Mangel an Facharbeitern zu vermeiden",
sagte Deutsche-Bank-Volkswirt Stefan Bielmeier.
Damit droht der Fachkräftemangel das künftige
Wirtschaftswachstum noch stärker zu dämpfen als bisher. Nach Berechnungen des
arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat 2006 allein der
Ingenieurmangel hierzulande die Wirtschaftsleistung um 3,5 Mrd. € oder 0,15
Prozent geschmälert.
Wie Bielmeier in einer Studie schreibt, befördere nicht allein
die negative demografische Entwicklung den Mangel an Facharbeitern. Die
derzeitigen Probleme resultierten im Wesentlichen aus den Mängeln in der
Ausbildung. Wenn Deutschland aber auch in Zukunft an der Spitze der
Weltwirtschaft mitspielen möchte, sei ein Richtungswechsel nötig. „Die
Exporterfolge der deutschen Wirtschaft hängen in hohem Maße von der
technischen Qualifikation der Ingenieure und Wissenschaftler sowie den
Kenntnissen der Facharbeiter ab,
die in der Regel über eine abgeschlossenen Berufsausbildung verfügen",
schreibt Bielmeier. Daher müssten Unternehmen und die für die Bildung verantwortlichen
Bundesländer jetzt handeln. Unternehmen sollten insbesondere mehr in die
Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Das sei vor allem wegen der
Altersstruktur in den Unternehmen nötig. Nach Berechnungen des Statistikamtes
Destatis steigt der Anteil der Altersgruppen zwischen 50 und 65 Jahren bis
2020 auf 39 Prozent; im Jahr 2000 lag er noch bei 30,4 Prozent.
Deutschland
hinkt laut einer Studie der Deutschen Bank bei der Weiterbildung
im internationalen Vergleich hinterher. So hätten Umfragen aus dem Jahr 2005
ergeben, dass innerhalb von vier Wochen weniger als zehn Prozent der Mitarbeiter
eine Weiterbildungsmaßnahme besucht haben. In Ländern wie Schweden, der
Schweiz oder den USA lag der Anteil bei gut dem Dreifachen des deutschen Werts.
Die IW-Experten stellen in ihrer Studie allerdings fest, dass
die Unternehmen das Problem erkannt haben. Mittlerweile genießt die
Weiterbildung der Mitarbeiter höhere Priorität. In einer aktuellen Umfrage
unter mehr als 3.000 Unternehmen gaben 68 Prozent an, in die Weiterbildung der
Mitarbeiter investieren zu wollen.
Ein weiteres Problem sieht die Deutsche-Bank-Studie aber auch
bei den Bildungsausgaben. „Derzeit entsprechen die staatlichen Bildungsausgaben
bestenfalls dem Durchschnittswert der Industrieländer", beklagt
Bielmeier. So müssten Universitäten mit technischen Studiengängen wie Informatik,
Ingenieur- und Naturwissenschaften viel mehr Geld erhalten. Nicht
vernachlässigt werden dürfte aber auch die Finanzierung der Grundschulen. Viele
Firmen müssten zudem Frauen für technische Berufe begeistern. Derzeit sind nur
21 Prozent der Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge Frauen.